
Constanze Peres
SCHÖNHEIT UND ALLTAGSERFAHRUNG
3.1. Attributiver und prädikativer Gebrauch von „schön“„Schön“ kann man in zweifacher Weise verwenden: 1. attributiv, 2. prädikativ
In Sätzen wie: „Schau dir die schöne Profil-Linie an“ hat „schön“ attributiven, in: „Das Haus ist schön“ prädikativen Charakter. Erst wenn ein Satz in die prädikative Form verwandelt werden kann, läßt sich entscheiden, ob es sich um einen buchstäblichen und ernsthaften Sprachgebrauch handelt. Sagt jemand z.B.: „Das ist ein schöner Unsinn“ und wir setzen den Satz in die prädikative Form, dann wird daraus: „Das ist ein Unsinn und er ist schön“. Der Satz wird selbst unsinnig und zeigt dadurch, daß „schön“ hier in irgendeinem metaphorischen Sinne eingesetzt wurde,der mit Schönheit als einer ernstzunehmenden ästhetischen Kategorie nichts zu tun hat.
Die Differenzierung von attributiver und prädikativer Verwendung hat aber noch viel weiter reichende Konsequenzen. In den Ausdrücken „der schöne Anschlag der Pianistin“ und „der schöne Klang der Streicher“ ist die genauere Bedeutung des attributiven „schön“ in beiden Fällen sehr unterschiedlich. Der „schöne Anschlag“ Martha Argerichs z.B. wird im Vergleich mit anderen Pianisten als „pianistisch (besonders) schön“ bezeichnet, der Klang der Streicher der Staatskapelle Dresden im Vergleich mit anderen Orchestern und nicht mit Pianisten. In beiden Fällen kann man zumindest einige sachspezifische Kriterien angeben. So würde z.B. „der differenzierte Anschlag der Pianistin“ oder „der volle, homogene Streicherklang“ präziser die Wertung umschreiben, die mit dem attributiven „schöner Anschlag“ und „schöner Streicherklang“ gemeint war.
Transformiert man aber die beiden Ausdrücke in die Sätze „Dies ist der Anschlag einer Pianistin und er ist schön“ sowie „Dies ist der Klang der Streicher und er ist schön“, dann sagt „ist schön“ etwas anderes aus; etwas, was diese beiden und viele andere Fälle gleichermaßen umfaßt und zwar in einer Bedeutung, die nicht an eine Sachgrundlage wie Streicherklänge oder Pianistenanschläge gebunden ist. Nur in dieser Verwendung ist das Wort „schön“ nicht durch präzisere Vokabeln ersetzbar. Positiv ausgedrückt: das Wort „schön“ ist primär im prädikativen Gebrauch als eigenständige und übergreifende ästhetische Vokabel relevant.
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